Zeitraum: 19. bis 21. Februar 2010
In Deutschland nutzen die Gewerkschaften unterschiedliche Möglichkeiten der Vorfeldarbeit, um Jugendliche nicht nur in den Betrieben, sondern auch in Schulen, Berufsschulen und Universitäten anzusprechen und sie für ihre Rechte sowie die Aufgabe von Gewerkschaften zu sensibilisieren (z.B. Berufsschultour, Dr. Azubi, Students@work). In Polen und Tschechien gibt es diese Formen bis dato nicht. Die polnischen und tschechischen Jugendlichen sehen jedoch die Notwendigkeit, auch in ihren Ländern entsprechende Instrumente zu entwickeln, um die Jugendlichen frühzeitig anzusprechen. Im Rahmen des Seminars wurden die Erfahrungen aus Deutschland vorgestellt, diskutiert und auf ihre Übertragbarkeit hin geprüft. Die Gewerkschaftsstrukturen sind im Gegenteil in Tschechien und Polen sehr stark betrieblich zentriert. Im Unterschied zu Deutschland sind dort betriebsgewerkschaftliche Sozialfonds sehr verbreitet besonders bei starken und gut organisierten Betrieben. Dort fehlen starke Dachverbände bzw. überbetriebliche Gewerkschaftsstrukturen. Die Gewerkschaftsapparate sind dadurch nicht so professionalisiert wie in Deutschland. DAs bedeutet aber nicht unbedingt, dass ihre Arbeit schlechter sei. Sie läuft vielmehr informell und ehrenamtlich. Organizing-Ansätze werden in Polen z.B. mit Erfolg praktiziert. In der Regel existieren jedoch auch dort keine Strukturen der Betreuung von Jugendlichen. Aus diesem Bedarf heraus sowie aus der Feststellung, dass die neuen Generationen immer mehr den Bezug zu den Gewerkschaften verlieren, erwächst aber der Wille, sich doch betriebsübergreifende Jugendstrukturen und das Erscheinungsbild der Gewerkschaften für Jugendliche attraktiver zu machen. Was jedenfalls von jungen polnischen und tschechischen Gewerkschaften als einen starken Nachteil empfunden wird, ist die Konkurrenz zwischen Gewerkschaften innerhalb derselben Betriebes. Und genauso innerhalb desselben Dachverbands. Dies führe laut Aussagen des Vorsitzenden im tschechischen Jugendrat dazu, dass erfolgreiche Mitgliedergewinnungsansätze von bestimmten Gewerkschaften den anderen, die in demselben Dachverband sind, nicht preisgegeben werden, um nicht die Konkurrenz zu stärken! Auch die Einfachheit, womit man Gewerkschaften in Betrieben gründen könnte, führe der Ansicht der jungen Gewerkschaften aus Polen und Tschechien nach dazu, dass oft Arbeitgeber "gelbe" Gewerkschaften gründen würden, die eine gewerkschaftliche Arbeit im Sinne der Arbeitnehmer verhindern würden. Schliesslich wurde einstimmig als Problem polnischer und tschechischer Gewerkschaften angesehen, dass weder Schüler noch Studierende Gewerkschaftsmitglieder werden könnten. Bei den SChülern liegt es aber unter anderem daran, dass weder Polen noch Tschechien eine so ausgebaute Ausbildungslandschaft haben und weder das duale Ausbildungssystem noch Jugendliche mit dem Status der "Auszubildenden" kennen. Andererseits wurde von tschechischen und polnischen jungen Gewerkschaftern als eine Schwäche des deutschen Systems empfunden, dass die Gewerkschaften nicht direkt im Betrieb vertreten seien, sondern nur als Rückgrat der Strukturen der betrieblichen Interessenvertretung. Positiv haben die deutsche Teilnehmer hervorgehoben, dass die polnischen und tschechischen Gewerkschaften eine höhere Menschennähe aufweisen würden, denn es ist trotzdem sehr leicht eine Betriebsgewerkschaft zu gründen und sich dann an die großen Gewerkschaftsbünde anzuschließen. Das stärke den zivilgesellschaftlichen Gedanken, aktivieren die Menschen ehrenamtlich und führe zu einer informellen aber trotzdem effektiven Mitgliedergewinnungsstrategie, die durch persönliche Beziehungen und Bekanntschaften läuft und dadurch der Organisation ein klares und vertrauenswürdiges Gesicht gibt.
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