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Liebe Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen;
„neue Bildung für das Land“, unter dieser Überschrift haben die DGB-Gewerkschaften am Montag in Berlin über ihre Vorstellungen von „guter Bildung in Deutschland“ diskutiert. Unser Verständnis von Bildung ist ein anderes als das der konservativen Eliten in Deutschland. Ihre Interessen sind rein marktwirtschaftlich orientiert. Sie sind lediglich daran interessiert, wie sie ihren Reichtum und ihren Status verteidigen können. Aus diesem Grund haben wir ein Bildungssystem das viele Bevölkerungsgruppen von Bildung ausschließt und ihnen so keine Zukunft bietet. Für uns als Gewerkschaften ist Bildung mehr als die reine Vorbereitung auf ein Leben als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer. Ein Arbeitsleben, das in Zukunft mindestens bis zum 67. Lebensjahr reichen wird. Für uns ist Bildung nicht ausschließlich dafür da, um Menschen zu produzieren, die in unser heutiges Wirtschaftssystem passen.Unser Bildungsbegriff ist viel umfassender.
Für uns ist Bildung ein Menschenrecht! Durch Bildung erlernt der Mensch die Fähigkeiten und Kompetenzen die er braucht um sich in unserer Gesellschaft zu recht zu finden und an ihr zu beteiligen. Neben Sach-, Orientierungs-, und Handlungswissen geht es besonders um die Ausbildung von Schlüsselkompetenzen wie Wahrnehmungs- und Erfahrungsfähigkeit, Konfliktlösungs- und Urteilsfähigkeit, Kreativität, vernetztes Denken, Kooperations- und Entscheidungsfähigkeit. Dieses Verständnis von Bildung zieht sich bei uns natürlich durch alle Bereiche und alle Ebenen des Bildungswesens. Angefangen von der frühkindlichen Erziehung bis zum lebenslangen Lernen im Berufsleben. Die DGB-Gewerkschaften fordern von Bund und Ländern ein abgestimmtes Agieren in der Bildungspolitik. Bisher hat sich das deutsche Bildungssystem, dass von der Kleinstaaterei geprägt ist als unterfinanziert, in Teilen nicht leistungsfähig und zutiefst unsozial erwiesen. - Immer noch leben in Deutschland vier Millionen Menschen, die als sogenannte funktionale Analphabeten nicht genug Lesen und Schreiben können. - Fast jeder zehnte Jugendliche verlässt die Schule ohne einen Abschluss - Jeder dritte Jugendliche mit Migrationshintergrund bekommt keinen Ausbildungsplatz - Kinder von Arbeitern sind an den Hochschulen deutlich unterrepräsentiert - und fasst 400.000 Jugendliche „verschwinden“ im Übergangssystem zwischen Schule und Beruf. Die meisten von ihnen bleiben ohne Chance auf eine qualifizierende Ausbildung. Ein so reiches Land wie die Bundesrepublik leistet sich Bildungsarmut in einem so großen Ausmaß. Das ist eine Schande und kann nicht weiter hingenommen werden!Bildung ist ein Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Der Trend, wonach immer weitere Teile von Bildung nur denjenigen zugänglich sind, die es sich auch finanziell leisten können, muss gestoppt und umgekehrt werden.„Gute Bildung“ muss für jeden, unabhängig vom Geldbeutel, möglich sein. Wenn Bildung von Allen als Menschenrecht gesehen würde wäre das auch selbstverständlich.Gute Bildung fängt in der Kindheit an. Die DGB-Gewerkschaften fordern, dass jedes Kind ein Recht auf einen gebührenfreien Platz in einer Krippe und in der Kita erhalten sollte. Mindestens das dritte Jahr in der Kita sollte sogar verpflichtend sein. In der Kita werden die Grundlagen für das weitere Bestehen in der Schule und im Leben gelegt. Kinder aus finanzschwachen Haushalten, deren Eltern es sich nicht leisten können ihr Kind in die Kita zu schaffen oder die es teilweise gar nicht dürfen, weil sie als Arbeitslose kein Anrecht auf einen Platz haben, erhalten so den ersten Nachteil für ihr späteres Leben.Das setzt sich dann unter Umständen in einer Schule fort, die bereits nach der vierten Klasse eine Selektion vornimmt, der nachweislich besonders oft Kinder aus sogenannten Bildungsfernen Haushalten zum Opfer fallen. Die DGB-Gewerkschaften fordern deshalb, es kann nur die eine gute Schule für Alle geben, in der alle Kinder und Jugendlichen gemeinsam bis zur Klasse 10 lernen. Alle Pisasieger zeigen, dass das der richtige Weg ist.Besonders am Herzen liegt uns als Gewerkschaften natürlich die duale Berufsausbildung. Auch hier offenbart sich seit Jahren ein unbefriedigender Zustand. Nicht einmal die Hälfte eines jeden Jahrgangs bekommt die Möglichkeit eine duale Berufsausbildung zu ergreifen.
Im Osten und auch in Sachsen waren das in den letzten Jahren zum Teil noch weniger Jugendliche. Noch im letzten Jahr kamen durchschnittlich drei Suchende auf einen Ausbildungsplatz. Durch die dramatische demographische Situation hat sich diese Situation in Sachsen entspannt und wird das auch weiterhin tun. Trotzdem hat auch in diesem Jahr nur jeder zweite Jugendliche in Sachsen einen dualen Ausbildungsplatz bekommen. Von Wunschberufen kann da bei vielen nicht die Rede sein. Sicherlich ist auch das ein Grund warum jährlich ungefähr 16% ihre Ausbildung abrechen.Die DGB-Gewerkschaften und die Gewerkschaftsjugend fordern ein Grundrecht auf Ausbildung. Jeder sollte die Möglichkeit haben einen Ausbildungsplatz, wenn nötig, einklagen zu können.Außerdem fordern wir eine Ausbildungsplatzumlage, die zur Neuschaffung von Ausbildungsplätzen genutzt werden kann und diejenigen Betriebe solidarisch heranzieht, die sich nicht an der Ausbildung beteiligen. Deutschlandweit bildet nur jeder zweite Betrieb der in der Lage dazu ist aus. Wenn viele Betriebe, trotz zunehmenden Fachkräftemangels, nicht begreifen, dass es höchste Eisenbahn ist auszubilden, dann sollen sie das wenigstens in ihrem Portemonnaie zu spüren bekommen. Studien sagen uns jetzt schon, dass es Branchen gibt, in denen der Fachkräftebedarf in ein paar Jahren nicht mehr zu decken ist, bei dem derzeitigen Stand der Ausbildung.Wie bereits angesprochen gibt es deutschlandweit Hunderttausende Jugendliche, die sich Jahr für Jahr wieder auf einen Ausbildungsplatz bewerben und stattdessen nur in einer Ersatzmaßnahme landen, die ihnen keine Berufsqualifizierung bietet. In Sachsen hat sich zwar über Jahre ein Außerbetriebliches Ausbildungssystem entwickelt das größtenteils berufsqualifizierend ist. Trotzdem ist eine betriebliche Berufsausbildung allen anderen Ersatzausbildungsformen vorzuziehen.Andere Länder mit einem System der dualen Berufsausbildung wie die Schweiz machen uns vor wie mehr Jugendliche eine Chance auf Ausbildung erhalten. Ein Teil des Rezeptes ist dort mehr Zentralstaatlichkeit auf diesem Gebiet und weniger Kleinstaaterei. Genau das was wir auch für das gesamte Bildungssystem in Deutschland fordern!Auf dem Gebiet der beruflichen Bildung müssen wir auch leider zunehmend beobachten, dass vollwertige Berufe mit drei bis dreieinhalb jähriger Ausbildung modularisiert werden oder immer neue zweijährige „Schmalspurberufe“ entstehen. Berufe wie der „Speiseeishersteller“ oder die Fachkraft für „Service und Expressdienst“ führen nicht zu beruflicher Handlungs- und Gestaltungskompetenz. Eine solide Berufsausbildung muss dem einzelnen die Möglichkeit eröffnen seinen Lebensweg aktiv zu gestalten. Für Lernschwache Jugendliche muss es eher die Möglichkeit geben längere statt kürzere Berufsausbildungen zu absolvieren. Dahin muss der Weg gehen, nicht umgekehrt.Zu einer guten Ausbildung gehört eine gute Qualität, vermittelt durch qualifizierte Ausbilderinnen und Ausbilder. Deshalb sind verpflichtende Qualifizierungen für Ausbilder nach der Ausbildereignungsprüfung notwendig. Wir alle kennen die Sonntagsreden vom Lebenslangen Lernen. Dazu gehören aber endlich die notwendigen rechtlichen, zeitlichen und finanziellen Vorraussetzungen, damit es in Zukunft nicht nur bei den schönen Reden bleibt. In Sachsen wären wir schon mal ein gutes Stück weiter mit der Einführung eines Bildungsurlaubsgesetzes und damit dem rechtlichen Anspruch auf Bildungsurlaub. Die DGB-Gewerkschaften fordern das bereits seit Jahren, bisher leider ohne Erfolg.Liebe Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen,noch vieles wäre zum Thema Bildung zu sagen aber ich möchte ihre oder eure Geduld nicht länger strapazieren. Bildung muss in Zukunft als Menschenrecht begriffen werden. Gute Bildung muss in Zukunft für jeden zugänglich sein. Dazu sind größere finanzielle Aufwendungen notwendig als bisher. Wie sie alle wissen gibt Deutschland weniger Geld für sein Bildungssystem aus als andere Länder. Um auf den Durchschnitt der OECD-Länder zu kommen müssten jährlich rund 30 Milliarden Euro mehr ausgegeben werden. Das Rettungspaket für die Banken von 500 Milliarden Euro zeigt uns aber ganz deutlich, dass es auch einen Weg gibt wenn man es nur will.Wir als DGB-Gewerkschaften werden die Politik nicht aus ihrer Verantwortung für ein anderes, für ein gerechteres Bildungssystem in Deutschland entlassen!Vielen Dank für die Aufmerksamkeit |